Neuanfang

Seit dem 1.1.2017 ist dieser Blog geschlossen.

Weiter geht es hier: logbuchinklusion – Frau Stier wird Lehrerin

Ich hoffe man sieht sich! 🙂

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Zwischen den Jahren.

Ja. Lange war nichts mehr hier auf meinem Blog zu sehen. Keine Zeichen, kein Tweet, kein gar nichts. Vieles war wichtiger – oder anders wichtig als dieser Blog. Mein Studium, meine Arbeit als Förderkoordinatorin (wie nebenbei – neben dem Studium, neben dem Leben) und – mein Leben. Es hat sich vieles getan in dieser Zeit, vieles sich verändert. Ich mich auch.

2017 kommt. Und mit dem neuen Jahr – ein neuer Blog?

Wir werden sehen 😉

Ich bin Dennis

In der Pause kommt eine Kollegin auf mich zu. Sie ist erst seit dem Sommer bei uns – und dementsprechend auch noch nicht in allen Klassen gewesen.

„Sag mal Frau L…“ sagt sie und sieht einigermaßen verwirrt aus. Ich schaue sie fragend an und sie setzt sich neben mich. „du hast doch in der 4b auch ein Kind oder?“ Ich nicke und ahne schlimmes. ‚Mein Kind‘ ist nämlich nicht das netteste Wesen unter der Sonne – und auch nicht die hellste Leuchte am Kronleuchter… (obwohl – wenn man sich die Eltern ansieht weiß man, warum er so ist.)
„Also.. ich war gerade da zur Vertretung, Deutsch.“ Meine Kollegin schüttelt immer noch fassungslos den Kopf. „Und ich hab sie im Wochenplan arbeiten lassen.. alle fingen an, nur einer nicht.“ Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Dennis?“ frage ich und sie nickt, nur um gleich darauf erneut den Kopf zu schütteln. „Und als ich ihn fragte, warum er nicht anfinge, weißt du, was er da gesagt hat?“ Nun schüttel ich den Kopf. Meine Kollegin grinst.

„Ich bin Dennis.“
Ich warte und sehe sie gespannt an. Meine Kollegin kann nicht mehr an sich halten, sie bricht in Gelächter aus. „Verstehst du? Das war seine Begründung! ‚Ich bin Dennis‘, als wär damit alles geklärt!“ Ich stöhne und schlage mir gegen die Stirn, ehe ich auch grinsen muss. „Und was hast du dann gesagt?“

„Ich bin Frau K. Schön dich kennen zu lernen, Dennis, und jetzt fängst du mit Deutsch an.“

Ich weiß nicht, was ich will.

Immer wieder werde ich gefragt, wohin ich gehen will. Wo ich mein Referendariat (oder den Vorbereitungsdienst) absolvieren möchte. Will ich in der Stadt meiner Jugendträume bleiben? Will ich überhaupt in einer Stadt sein? Stresst es mich nicht viel zu sehr, in einer Stadt zu leben? Ich, als Landkind? Welches jedes Mal, wenn es wieder in der Heimat ist, durchatmet – und die Stille genießt?

Ich weiß nicht, was ich will. 
Und genau das kenne ich nicht von mir. Mein Lebensweg ist sehr klar, stringent, durchdacht. Ich wusste schon früh, was ich werden wollte, ich wusste früh, wo ich leben wollte. Doch jetzt… jetzt weiß ich es einfach nicht mehr. Ich weiß nicht, wo ich mein Ref machen möchte. Ich weiß nicht, ob ich ’nur‘ Sonderpädagogin sein möchte. Ich weiß nicht, ob ich nicht vielleicht an der Uni bleiben möchte. Ich weiß nicht, wie mein Leben in einem Jahr aussehen wird.

Und alles, was die Leute dazu sagen ist:
Das musst du für dich entscheiden. Du musst wissen, was du willst.

Und ich denke dann:
Ich weiß es aber nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Und ist es nicht genau das, was diese Phase des Lebens so interessant macht?
Dieses Nicht-Wissen? Dieses Sich-Alle-Möglichkeiten-Offen-Halten?

Ich weiß, dass es die Leute irritiert. Das sie nicht verstehen, warum ich mir nicht sicher bin. Das sie nicht nachvollziehen können, warum ich mich noch nicht entschieden habe. Denn ich wirke nicht so. Ich wirke, als würde ich in mir ruhen. Als hätte ich einen inneren Plan, einen Weg, dem ich folge. Sie verstehen nicht, dass auch ich mich einfach mal treiben lassen will. Das ich nicht Entscheidungen treffen will, die mein gesamtes weiteres Leben beeinflussen. Das ich diese Entscheidungen vielleicht auch gar nicht treffen kann – denn ich bin nicht erwachsen, zumindest nicht, was diesen Part meines Lebens angeht. Ich brauche den Austausch, ich brauche Rat. Und es hilft nicht, mir zu sagen:
Du weißt schon, was du tust.

Denn ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was ich will. Ich bin nicht allwissend. Was passiert, wenn ich den falschen Weg einschlage? Es gibt manchmal einfach kein Zurück, keine Umkehrmöglichkeit, keine Stelle, an der ich meine Entscheidung revidieren kann. Und dann kommt meine Sonderpädagogik Kollegin und sagt mir, dass sie mich als Referendarin betreuen würde, wenn ich das denn möchte. Es sind Pläne für die Zukunft, die ich jetzt machen muss. Die ich aber nicht machen will. Die ich nicht machen möchte, weil ich nicht weiß, ob ich damit glücklich wäre. Ob ich es gut finden würde. Ob es mir gefallen würde.

Ich weiß nicht, was ich will. 
Und das… das macht mich wahnsinnig.

Von WhatsApp, Briefen und Pergamenten.

Der Stress hat mich gerade vollkommen im Griff. Ich pendle mich irgendwo ein, zwischen Wahnsinn und simples ‚Du schaffst das schon‘, zwischen der Uni, die ich zu Reflexionsseminaren und Kleingruppenhospitationen sehe, 5 Stunden eigenständigen Unterricht in meiner Praktikumsschule und 12 Stunden sonderpädagogische Förderung an meiner Schule. Nicht zu vergessen die Diagnostik an meiner Schule, die seit diesem Schuljahr unter anderem auch in meiner Hand liegt.

Dennoch möchte ich an dieser Stelle euch eine ganz bestimmte Stilblüte des Unterrichts in einer 12 nicht vorenthalten:

Thema ist Jesus. Die Lehrerin des Kurses, meine Mentorin, Frau S., redet mit den Schülern über Quellen. Es wurden schon einige genannt, aber irgendwie kommen die Schüler nicht auf ‚Briefe‘. Frau S. schaut mich an.

„Da kommen die jetzt nicht drauf, oder? Ist vielleicht auch die falsche Generation..“ sagt sie mit gespielter Verzweiflung. „Naja..“ sage ich und lächle, „Heute schreibt man keine Briefe, das geht alles über WhatsApp“ Frau S. nickt und eine Schülerin sagt: „Ah, jetzt weiß ich was sie meinen! Einen Brief, oder? Quasi eine Whatsapp auf Pergament!“

Jep. Ein Brief ist eine Whatsapp auf Pergament. Willkommen in der Oberstufe 😀

Die Stadt, das Land und ich.

Ich bin auf dem Land groß geworden. Und wenn ich Land meine, dann meine ich Land -Land: Ich wohnte als kleines Kind am Rande einer Kleinstadt – bis ich 3 war. An das Leben dort habe ich natürlich noch Erinnerungen, doch die Erinnerungen sind so klein und winzig, dass ich sie nicht so richtig als Erinnerungen bezeichnen würde. Als ich 3 war, sind wir umgezogen. Umgezogen in ein Dorf. Ein Dorf – Dorf – Dorf – knapp 600 Einwohner, ein umgebauter Bauernhof und meine Familie.

Ich habe es geliebt. Wir hatten alles an Tieren, was man sich vorstellen kann, dass einzige, was uns fehlte, war eine Kuh. Ansonsten gab es bei uns alles: Hühner, Schafe, Gänse, Vögel, Meerschweinchen, Hamster, Kaninchen, Enten, Katzen, Hunde, Pferde. Wir hatten sogar mal Schweine – so richtige Schweine, die der Aufzuchtbetrieb nicht verkauft bekam und die wir dann aufgezogen haben. (Schweine sind übrigens anstrengend ohne Ende – die machen alles kaputt. Und mit alles… meine ich alles. ALLES.). Ich habe den Großteil meiner Freizeit im Stall verbracht und mich um mein Pferd und mein Pony gekümmert. Morgens vor der Schule war ich da zum füttern. Nachmittags war ich da zum Reiten/Pflegen/Misten/Stall in Ordnung halten. Abends war ich da zum Füttern – und ich habe es geliebt.

Mir war klar, dass ich irgendwann nicht mehr auf dem Land leben würde. Ich wusste schließlich, dass ich Lehramt an Sonderschulen nicht überall studieren konnte, und es machte mir nichts aus, dass ich in eine Stadt würde ziehen müssen. In eine Großstadt, vermutlich. Im Gegenteil, ich habe mich wirklich darauf gefreut. Vor allem, nachdem ich wusste, dass ich in die schönste Stadt der Welt gehen konnte. Nach Hamburg.

Ich habe Hamburg schon als Jugendliche geliebt – als ich als zwölfjährige das erste Mal in der Stadt war, habe ich zu meinen Eltern gesagt, dass ich später einmal in der Stadt leben werde. Und ich liebe diese Stadt wirklich. Sie ist wunderschön, vielfältig, atemberaubend. Und ich liebe es, in dieser Stadt zu leben. Doch ich vermisse auch meine Heimat, das große Haus, die leeren Straßen, die Felder, die Wiesen, die Tiere. So vieles, was mir an dem Land gefällt, und was ich in der Stadt nicht haben kann. Mir fehlt die Ruhe, das Allein Sein mehr, als ich es mir hätte vorstellen können. Mir fehlen die Tiere, die Natur, das, was das Landleben so schön machen kann. Der Garten, die Terasse, die Sterne, die man in der Stadt nicht sehen kann. Wenn ich in der Stadt bin vermisse ich das Land manchmal. Und wenn ich auf dem Land bin geht mir wieder auf, wie wunderbar es ist, in der Stadt zu leben. Die Menschen, der Trubel, man ist nie allein, egal wo man ist. Die Cafes, die U Bahn, die Elbe, die Alster, die versteckten Ecken, die man noch nicht kennt. Die Einkaufsladen und -lädchen, das man immer überall hinkommt ohne Auto.

In etwas mehr als einem Jahr werde ich mich, zumindest für eine gewisse Zeit entscheiden müssen. Gehe ich wieder zurück aufs Land, oder bleibe ich in der Stadt? Ich muss mich entscheiden, denn sobald ich mit dem Master Studium fertig bin, werde ich mich für einen Platz im Vorbereitungsdienst bewerben. Doch ich weiß noch nicht, ob ich in meiner geliebten Hansestadt bleiben werde – oder ob ich zurück aufs Land gehe.

In mir wohnen zwei Seelen, die widersprüchlicher nicht sein könnten, und ich kann nicht sagen, wie ich mich entscheiden werde….

Die goldigen Kinder der 2b.

Die 2b ist die einzige Klasse, in der ich nicht drin bin. Und seit einigen Wochen weiß ich auch wieso.

Ich komme wie immer Montags zur zweiten Stunde in die Schule. Gewohnheitsmäßig schaue ich auf den Vertretungsplan, denn normalerweise stehe ich nicht darauf. Denn ich bin an dieser Schule als sonderpädagogische Lehrkraft, und im Gegensatz zu einigen anderen Storys die ich schon gehört habe, findet die sonderpädagogische Förderung immer statt. Doch heute ist es anders. Ich finde meinen Namen neben der Klasse 2b. Ich bin die Vertretung – der Vertretung. Nach einem kurzen Stirnrunzeln gehe ich ins Lehrerzimmer, und finde dort Frau F. vor. Frau F. und ich, wir mögen uns ziemlich gern. Sie hat vor kurzem ihr Ref beendet und ist dementsprechend auch nur einige Jahre älter als ich. Sie sieht mein Stirnrunzeln, umarmt mich zur Begrüßung und fragt, was ich gleich habe. Ich erzähle, dass ich Frau Sch vertrete. In der 2b. Frau F. nickt und fragt, ob ich denn wüsste, was ich mit den Kindern machen soll. ich schüttel den Kopf. Die hätten eigentlich Sport, und Sport darf ich nun mal nicht unterrichten. Sie denkt kurz nach, reicht mir dann eines ihrer Arbeitsbücher und macht mir verschiedene Vorschläge für den Bereich Deutsch. Dankbar nehme ich das Ding entgegen. Ich habe keine Ahnung, was ich mit denen machen soll, ich weiß ja nicht mal, wie viele Kinder in der Klasse sind. Schnell kopiere ich 28 Arbeitsblätter (sicher ist sicher) und hechte dann zur Klasse. Die Klassenlehrerin ist noch im Raum, nur… keine Kinder. „Ach, ich hab die schon losgeschickt, sorry, ich wusste nicht das die krank ist… Aber ich schick sie gleich wieder zurück, weißt du, was du mit denen machen kannst?“ Ich nicke und sage, dass ich Deutsch mit denen machen werde. „Gut, ach, und lass sie ruhig noch 10 min frühstücken, das haben wir noch nicht gemacht…“ Ich nicke und sie schickt die Kinder zurück von der Sporthalle.

Nach und nach trudeln die 23 Kinder der Klasse 2b ein. Ich sage jedem einzelnen, dass er oder sie sich hinsetzten und leise ihr Essen rausholen sollen. Langsam füllt sich der Raum, bis alle da sind. Ich schlage die Klangschale an und… alle sind ruhig. Ich lehne mich vorne an den hohen Hocker und fange an.

„Guten Morgen Klasse 2b“
„Guten Morgen Frau…“
„Ich bin Frau L. und ich vertrete heute Frau Sch. Wir frühstücken erst, dann machen wir ein bisschen Deutsch und wenn das gut klappt, dann spielen wir die letzten zehn Minuten ein Spiel. Hol jetzt dein Essen raus und frühstücke leise.“ 

Außer einem leisen Gemurmel und Dosengeklapper ist nichts zu hören. Ein Kind fragt mich, ob es auf die Toilette gehen kann. Eins fragt, ob es zum frühstücken für alle die CD anmachen kann, die es mitgebracht hat. Leise Musik ertönt, alle Kinder sitzen auf ihren Plätzen, essen, trinken, und unterhalten sich leise mit ihrem Nachbarn. Nach einigen Minuten kommt ein Kind zu mir. „Es wird immer lauter, darf ich die Maus aufhängen?“ Ich schaue kurz verwirrt, denn die Maus kenne ich nicht. Dennoch sage ich ja und der Junge hängt die Maus auf. Stumm zeigt er darauf, und die eh schon leise Klasse wird – noch leiser. Mir fällt es schwer, mein Erstaunen zu verbergen, und als der eine Junge wieder lauter wird, stupst ihn seine Sitznachbarin an, zeigt auf die Maus und legt einen Finger an die Lippen. Leise sein. Ich beobachte das ganze Spektakel noch einige Minuten, dann mache ich die CD leiser und und leiser, bis sie schließlich aus ist. Alle Kinder sitzen ruhig und leise an ihrem Platz. „Du packst jetzt dein Essen in deine Tasche und holst einen Bleistift raus.“ sage ich, ebenso ruhig und leise wie die Kinder. Die 2b räumt kurz und nach nicht einmal einer Minute haben alle ihr Essen weggepackt, einen Stift auf dem Tisch und schauen mich erwartungsvoll an. Ich erkläre kurz das Arbeitsblatt, erinnere die Kinder daran, dass sie erst ihren Nachbarn fragen sollen, wenn sie Hilfe brauchen. Und sich sonst leise melden sollen. Die nächsten 20 Minuten sind alle konzentriert am Arbeiten. Am Ende spielen wir ein Spiel, was sie sich selbst aussuchen durften, und als es klingelt schicke ich sie mit einem entspannten Lächeln in die Pause. 

Im Lehrerzimmer fragt mich die Klassenlehrerin Frau N, wie es gewesen ist.
„Ich weiß ganz genau, warum ich nicht in deine Klasse gehen muss. Sie waren… goldig. Einfach nur.. goldig.“